MOTIVATIONSSCHREIBEN ALS KANDIDATENKILLER

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28.08
am 28.08.182018-09-04
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Das Motivationsschreiben, auch bekannt unter Bewerbungsschreiben, wird im Netz und in der HR Branche dauerhaft diskutiert. Unzählige Blogbeiträge, Ratgeber, Tipps, Vorlagen, Muster und Bausteine, die das perfekte Motivationsschreiben möglich machen sollen, zeigen auf, wie schwierig es ist, ein individuelles und perfektes Motivationsschreiben aufzusetzen. Dass Rechtschreibfehler, Standardfloskeln und Buzzwords im Motivationsschreiben den Traumjob kosten könnten, trägt zur Verunsicherung der Kandidaten bei. Vielmehr verursachen solche Tipps und Vorlagen jenen Einheitsbrei, der von Recruitern nicht mehr gelesen wird, weil die Individualität dadurch verloren geht.

 

Diese Verunsicherung hält bestimmt auch einige wechselbereite Kandidaten davon ab, ihre Bewerbung bei Unternehmen zu platzieren. Im schlimmsten Fall sind es vielleicht sogar jene Kandidaten, die ein Unternehmen bisher nicht als Mitarbeiter gewinnen konnte. Spricht man mit Kandidaten, bestätigen diese immer wieder, dass das Motivationsschreiben den mühsamsten und schwierigsten Teil der Bewerbungsunterlagen darstellt.

 

Was kann also getan werden, damit Kandidaten mit hoher Wechselbereitschaft zu tatsächlichen Bewerbern werden?

 

CANDIDATE EXPERIENCE

 

Candidate Experience als Buzzword in der Personalbeschaffung. In den letzten Jahren haben sich HR Manager und Recruiter intensiv damit auseinandergesetzt, wie sie auf Talente und potentielle Kandidaten wirken wollen und wie sie das Unternehmen im Bewerbungsprozess erleben sollen. Hürden abbauen, Kandidaten begeistern, Überzeugung schaffen und so die richtigen Bewerber ins Unternehmen bringen. Hat in solchen Prozessen ein altmodisches Motivationsschreiben überhaupt noch Platz?

 

MOTIVATIONSSCHREIBEN ALS PFLICHTFELD

 

Im Mai dieses Jahres, hat die DSGVO viele mühsam abgebaute Hürden zurückgebracht. Im Selbsttest habe ich mir einige Bewerbungsprozesse sowohl bei kleinen als auch großen, internationalen Unternehmen angesehen. Erstaunlich war, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen das Motivationsschreiben, entweder als Textfeld oder als Upload-Funktion für Anhänge, als Pflichtfeld anführt. Bedenkt man den Trend, dass viele Nutzer i.S.v. Kandidaten leichter über mobile Geräte (Smartphones und Tablets) erreichbar sind, kann hier kein individuelles und ausgefeiltes Motivationsschreiben verpflichtend sein.  

 

ANSCHREIBEN ALS BEWERBUNGSKILLER

 

Ich habe versucht, mich in die Rolle eines Kandidaten zu versetzen. Dabei habe ich mir folgendes Szenario vorgestellt: Ich bin unzufrieden, habe meinen Lebenslauf soeben aktualisiert und in meiner Cloud gespeichert. Für den Fall, dass ich ein interessantes Jobangebot sehe, kann ich mich ad hoc und direkt von meinem Mobilgerät aus bewerben. Jung, gut qualifiziert und neugierig auf den nächsten Karriereschritt surfe ich im Netz, finde in meiner Timeline ein spannendes Jobangebot und sehe es mir an. Später finde ich auf Youtube ein ansprechendes Jobangebot als Display-Werbung, das mich zu einem mir bisher unbekannten Arbeitgeber führt. Ich bin nach einem langen Arbeitstag am Weg nach Hause. Ein frustrierender Arbeitstag, mit einem launischen Chef und mühsamen Kollegen.

 

Meine Wechselmotivation ist in diesem Moment so hoch wie noch nie. Dank Retargeting erreicht mich diese Jobanzeige erneut auf einem anderen Social-Media-Kanal. Ich entscheide mich bei der Rückfahrt im Zug meine Bewerbung bei diesem Unternehmen zu platzieren und starte den Bewerbungsprozess über mein Smartphone. Jetzt bewerben. Nächster Schritt persönliche Daten, weiter zum Upload des Lebenslaufs, welchen ich aus der Dropbox hochladen kann. Ich will meine Bewerbung abschließen und dann komme ich zum Punkt „Bitte laden Sie hier Ihr persönliches Motivationsschreiben hoch. Wir möchten gerne wissen, warum Sie sich für uns begeistern“. Weiterklicken Fehlanzeige, denn das Motivationsschreiben ist ein Pflichtfeld.

 

Bewerbung adé. Hier breche ich ab und werde meine Bewerbung nicht abschließen und morgen erneut zur Arbeit gehen, in der Hoffnung, dass es etwas besser ist. Ich denke mir, schade, vielleicht hätte es super gepasst. Und wer weiß, vielleicht hätte der Arbeitgeber auf genauso einen Kandidaten wie mich gewartet.  Wir werden es nie erfahren.

 

ALTERNATIVEN ZUM MOTIVATIONSSCHREIBEN

 

Wie kann also so ein Kandidat gewonnen werden, ohne dabei auf weitere persönliche Informationen und dessen Motivation zu verzichten? Wie kann ich genau das erfahren, was mich als Recruiter interessiert? Wie kann ich den unwichtigen Rest vieler Motivationsschreiben filtern und die typischen Phrasen aus Blogbeiträgen und Mustervorlagen vermeiden? Hier sind drei Alternativen, um auf das Motivationsschreiben zu verzichten.

 

Kein Pflichtfeld im Bereich Motivationsschreiben

Diese Variante ist wohl am schnellsten umzusetzen, zugleich aber auch der größte Kompromiss und Informationsverlust hinsichtlich Bewerberinformation.

 

Freifelder mit konkreten Fragen

Statt einem Textformular oder Upload für Motivationsschreiben, empfehle ich konkrete Fragen, hinsichtlich der Motivation zu stellen. Aus meiner Sicht die beste Variante, um von Kandidaten genau jene Infos zu bekommen, die mich als Arbeitgeber auch wirklich interessieren und Zeit im Screening von Kandidaten sparen.

 

Um den Druck von den Kandidaten zu nehmen, sollte ein Hinweis auf die Länge der Antwort gegeben werden.

 

Beispielfragen:

  • Was gefällt Ihnen an diesem Job besonders gut? (max. zwei Sätze als Antwort)
  • In welchem Bereich dieser Aufgabenfelder können Sie noch neue Erfahrungen sammeln bzw. welche finden Sie besonders herausfordernd? (max. zwei Sätze als Antwort)
  • Nennen Sie uns Ihren besten Grund, für unsere Organisation zu arbeiten. (max. einen Satz als Antwort)

Diese konkreten Fragen bringen jene Antworten, die Entscheidungen über den Lebenslauf hinaus erleichtern. Außerdem werden so die ausgefeilten und superoptimierten Motivationsschreiben vermieden, die keine spontane und wirklich ehrliche Auskunft über den Kandidaten ermöglichen und auch nur selten von Recruitern gelesen werden. Der große Vorteil dabei ist, dass diese Freifelder auch über ein Tablet oder Smartphone beantworten werden können. So bleibt der Bewerbungsprozess auch im mobilen Bereich aufrecht und führt zu weniger Abbrüchen im Bewerbungsprozess.

 

Bewerbungsvideo

Generation Smartphone und mobile Recruiting bringt eine oft diskutiere Bewerbungsform erneut aufs Tapet, die Videobewerbung. So einfach wie heute war es noch nie, hochaufgelöste Videos mit guter Tonqualität zu erstellen. Daher sollte auch die Selbstpräsentation von Kandidaten via Bewerbungsvideo in Erwägung gezogen werden. Hier sehe ich die Chance aus der Kombination von konkreter Fragestellung und einem Bewerbungsvideo einen aussagekräftigen Eindruck zum Kandidaten zu erlangen. Diese Lösung ist mit Sicherheit eine Frage der Zielgruppe und Jobausschreibung. Eine besonderes Potenzial sehe ich hier für jene Kandidaten, die mit ihrem Lebenslauf weniger stark überzeugen können, jedoch mit ihrer Motivation und Überzeugungskraft ihre Chancen auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhöhen. Auch hier würde ich die Videobewerbung optional zu den Fragen ermöglichen und nicht als Pflichtfeld anführen.

 

FAZIT

 

Damit mobiles Recruiting durchgängig funktioniert, sollte aus meiner Sicht von Motivationsschreiben Abstand genommen werden. Das heißt nicht, dass dabei auf Bewerberinformationen verzichtet werden muss, sondern lediglich eine andere Art der Datenerhebung genutzt werden kann, um diese Informationen zu erhalten. Außerdem vermute ich, dass die konkreten Antworten auf vorher festgelegte Fragestellungen von Recruitern lieber gelesen werden, als lange und unpersönliche Motivationsschreiben. Wird das Bewerbungsformular mit der Option enes Bewerbungsvideos ergänzt, sollte bei der Auswahl des Anbieters darauf geachtet werden, dass hierfür kein App-Download notwendig ist, und der Kandidat eine passende Frage im Video beantworten soll.

 

Liebe Grüße, Florian von PERDINO.

 

 



PERDINO

Kommentare


Das Motivationsschreiben steht zurecht in der Kritik. Man muss es nicht gleich streichen, so wie hier im Beitrag vorgeschlagen wird, aber dennoch sollten wir uns der Entwicklung, nämlich der schnellere Informationsaustausch zwischen Kandidaten und Arbeitgeber widmen. Da hat die "Alte-Schule" ganz klar ausgedient. Hier ist der Gap klar ersichtlich: Wir antworten unseren Kandidaten bereits mit einem Chatbot weil wir hierfür keine Zeit finden und erwarten uns umgekehrt individuelle und fehlerfreie Motivationsschreiben?? Leute, wir haben 2018 und es fehlen uns über 160.000 Fachkräfte.
Max am 04.09.18

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